Die Entwöhnung der Wirtschaft von fossiler Energie

18. Dezember 2009

Anlässlich der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen (COP-15) beschreibt Antoine Frérot, Geschäftsführer Veolia Environnement, in einem in der Zeitung Le Monde erschienen Artikel drei Klimaschutz-Anforderungen an die Wirtschaft.

Die Entwöhnung der Wirtschaft von fossiler Energie kann nur durch Innovation gelingen

Wenn wir die Emissionen von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 halbieren und die durchschnittliche Erwärmung der Erdtemperatur auf 2°C begrenzen wollen, müssen wir unsere Wirtschaft von fossilen auf CO2-neutrale Energieträger umstellen. Und wenn wir uns über die Problematik des Klimawandels hinaus mit der Natur aussöhnen wollen, müssen wir das nach natürlichen Ressourcen gierende Wachstum Mäßigung lehren. Daraus lassen sich drei Anforderungen an die Wirtschaft ableiten: Verzicht auf fossile Brennstoffe, Schonung natürlicher Ressourcen und Einsparungen beim Wasserverbrauch.

Mit dem Verzicht auf fossile Brennstoffe verlassen wir die Welt von Erdöl, Erdgas und Kohle. Doch wie kann der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid drastisch reduziert und gleichzeitig die wachsende globale Energienachfrage gedeckt werden? In erster Linie muss dies über Energieeinsparungen, dann über den Ersatz fossiler durch saubere Energieträger geleistet werden. Und schließlich müssen “schmutzige” Energieformen künstlich aufgewertet, das heißt die bei ihrer Nutzung entstehenden Treibhausgase aufgefangen werden.

Es gibt zahllose Beispiele für die erfolgreiche Einführung neuer Techniken zur Energiegewinnung und für die Erhöhung der Energieeffizienz. Bei Veolia stehen derartige Vorhaben im Zentrum der geschäftlichen Aktivitäten. So nutzen wir in Dunkerque die Abwärme einer Produktionsanlage von Arcelor Mittal zur Heizung von Gebäuden. In Rouen konnten wir den Ausstoß von Treibhausgasen durch öffentliche Verkehrsmittel dank der Nutzung von Biokraftstoffen um 15% reduzieren. In Ho-Chi-Minh-Stadt erreichten wir durch die Optimierung der öffentlichen Beleuchtung Energieeinsparungen von 30%.

Auf einer Fläche von 32 Hektar ist das Dach des Werks von General Motors in Saragossa mit Solarzellen bedeckt: Es handelt sich um die leistungsstärkste, auf einem Dach installierte Photovoltaik-Anlage der Welt. In Limay im französischen Département Yvelines stellen wir aus altem Speiseöl Biodiesel her. Im ungarischen Pécs wiederum befindet sich eine der größten Biomasseanlagen Mitteleuropas; sie versorgt das zweitwichtigste Fernwärmenetz des Landes. Und in Alexandria werden innerhalb von zehn Jahren durch das Auffangen von Biogas in zwei Abfalldeponien etwa 3 Millionen Tonnen an Treibhausgasemissionen vermieden.

Wie ist die zweite Anforderung an die Wirtschaft, also die Schonung der natürlichen Ressourcen, zu erreichen? Nur durch die umfassende Wiederverwertung von Rohstoffen, die die Funktionsweise der natürlichen Kreisläufe nachbildet. Gewerbliche und Haushaltsabfälle müssen zu Sekundärrohstoffen wie Metall, Glas, Papier und Karton verarbeitet werden. Jedes einzelne Kilogramm Abfall, das vernichtet wird, weil keine sinnvollere Alternative für seine Verwertung gefunden wurde, ist ein Ausdruck des Versagens.

Die dritte Anforderung an die Wirtschaft schließlich betrifft Einsparungen beim Wasserverbrauch, um übermäßige Entnahmen aus Flüssen und dem Grundwasser zu vermeiden. Denn die natürlichen Wassersysteme werden durch den Klimawandel am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Gleichzeitig bestehen große Spielräume für die effizientere Nutzung von Wasser: China produziert im Vergleich zu Indien mit der gleichen Wassermenge doppelt so viel Reis pro Hektar. Andererseits verbraucht China pro BSP- Einheit sechs Mal mehr Wasser als Südkorea und zehn Mal mehr als Japan.

"Müsste die Zukunft mit den heutigen Technologien gemeistert werden, wäre der Kampf gegen den Klimawandel bereits verloren."

Die oben erwähnten Technologien haben eines gemeinsam: Es handelt sich um lokale Lösungen. Im 20. Jahrhundert feierten noch zentralisierte Infrastrukturen ihren Siegeszug. Das 21. Jahrhundert dagegen wird von der zusätzlichen Einrichtung dezentralisierter, lokaler Anlagen gekennzeichnet sein: Solarzellen, Biomasseanlagen, Erdwärmepumpen, Vorrichtungen zur Nutzung von Abwärme, Abfallsortier- und Recyclinganlagen, Wasseraufbereitungsanlagen, ... Diese dezentrale Energie-, Rohstoff- und Wasserversorgung ist Voraussetzung für das Dreigestirn aus erneuerbaren Energien, der Schonung natürlicher Ressourcen und Wassereinsparungen.

Unabhängig von den Ergebnissen der Klimakonferenz in Kopenhagen ist die Erderwärmung eine gefährliche Klippe, die nur mit grundlegenden Innovationen im Energiesektor umschifft werden kann - was wiederum umfangreiche Investitionen in die Forschung erfordert. Mit den heutigen Technologien lässt sich viel erreichen, aber bei weitem nicht alles, was aus ökologischer Sicht notwendig wäre. Es ist vollkommen illusorisch, sich der Klimaveränderung ohne umfassende Innovationen stellen zu wollen.

Denn wie soll die Abhängigkeit unserer Wirtschaft, die am Tropf von Erdöl, Gas und Kohle hängt, von fossilen Energien beendet werden, wenn keine grundlegend neuen Produktionsmethoden eingeführt werden? Wie kann das business as usual überwunden werden, wenn die gleichen Technologien beibehalten werden? Ohne Innovationen lässt sich der Widerspruch zwischen wirtschaftlichem Wachstum in Verbindung mit Verschmutzung einerseits und wirtschaftlicher Stagnation in Verbindung mit Umweltschutz andererseits nicht auflösen. Müsste die Zukunft mit den heutigen Technologien gemeistert werden, wäre der Kampf gegen den Klimawandel bereits verloren. Die "grüne" Wirtschaft wird daher entweder als innovative Wirtschaft entstehen - oder Wunschdenken bleiben. Auch die Finanzkrise lässt sich aus dieser Perspektive betrachten und erinnert daran, dass es eine Strategie mit doppelter Dividende gibt, die unbedingt genutzt werden muss. Diese Strategie sieht vor, die Wirtschaft durch massive Investitionen anzukurbeln und zu stärken, während gleichzeitig die Umwelt geschützt wird, indem die Investitionen größtenteils im ökologischen Bereich eingesetzt werden. Die Konjunkturpakete der verschiedenen Länder (und in Frankreich die geplante Staatsanleihe) bieten dementsprechend die Gelegenheit zu einem großen Schritt in Richtung einer "grünen" Wirtschaft.

Die meisten Schlachten im Kampf gegen den Klimawandel werden in den Städten ausgetragen werden, wo sich Wärmeproduktion und Energienutzung konzentrieren. Bereits jetzt lebt die Hälfte der Erdbevölkerung in Städten, und im Jahr 2050 werden es drei Viertel sein. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass man es sich bei der Bekämpfung des Klimawandels erlauben könnte, eine ökologisch sinnvolle Organisation des städtischen Lebens zu vernachlässigen.

Wozu dienen klimafreundliche Technologien, wenn sie unzureichend umgesetzt werden? Schlecht geplante oder betriebene Gebäude, Kältesysteme oder Verkehrsnetze können sich als wahre Energieschleudern erweisen, während sie bei angemessener Nutzung viel Energie einsparen können - auch die leistungsstärksten Technologien produzieren enttäuschende Ergebnisse, wenn sie nicht professionell betrieben werden.

Begegnet man diesen technischen Herausforderungen, lässt sich das Paradox "Weniger ist mehr" erfolgreich auflösen. Nur durch die Förderung der menschlichen Erfindungsgabe können mehr Güter und Leistungen bei geringerem Energie- und Ressourceneinsatz sowie weniger Umweltverschmutzung bereitgestellt werden. Nur durch Innovationen kann unsere Wirtschaft wieder wirtschaftlich werden.


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Antoine Frérot, Geschäftsführer Veolia Environnement

Veolia Wasser ist Mitglied im UPJ-Unternehmensnetzwerk

www.cop15.dk