Wer ist eigentlich die Elite? Heribert Prantl zu gesellschaftlicher Verantwortung, CSR, Zivilgesellschaft & Engagement

26. Januar 2010

Ein Plädoyer für den Sozialstaat und für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft hielt Dr. Heribert Prantl, Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, in einer Festrede beim Neujahrsempfang der Stadt Friedrichshafen. Als "wahre" Elite benennt er jene, die bürgerschaftliches Engagement zeigen und damit maßgeblich zu einer funktionierenden Demokratie beitragen.

Die Festrede in Auszügen:

"Wenn wir von 'Elite', wenn wir von den 'Eliten der Gesellschaft' reden, dann denkt man üblicherweise an 'die da oben' - an die Großmanager, an die Spitzenpolitiker, an die Leute mit viel Geld oder mit viel Macht. Das führt uns zu der Frage: Was macht eine Elite überhaupt aus? Geldfülle? Machtfülle? Genussfülle? Wenn heute in Deutschland von 'Eliten gesprochen wird, folgt freilich das Wort 'Versagen' auf dem Fuß. 'Eliteversagen' ist der Sammeltitel für Nachrichten aus dem Bereich von Wirtschaft und Politik, der gemeinsame Nenner für Analysen und Kommentare zu Korruptionsaffären, zu Spitzel- und Selbstbedienungsskandalen. Es gibt gute Manager, es gibt gute Politiker - aber es gibt auch zu viele, die diese gute Arbeit diskreditieren.

Es reicht dann nicht, wenn ein Unternehmensberater schnell ein Konzept für 'Corporate Social Responsibility' entwickelt, das dann nach dem Motto 'Gelesen, gelacht, gelocht' behandelt wird. Es reicht nicht, wenn der Vorstand das Vorwort der neuen Ethik-Broschüre schreibt. Die Mitarbeiter müssen spüren, dass Ethik mehr ist als Gedöns, das den Staatsanwalt zufriedenstellen soll. Gut, es ist ja schon etwas, wenn ein Unternehmen keine Gesetze bricht; aber als Unternehmenskultur kann man das noch nicht bezeichnen. Sie könnte in der nachhaltigen Suche nach dem Gehalt der drei großen V's bestehen: Vorbild, Verpflichtung, Verantwortung.

Wenn es aber zu oft so ist, dass Werthaltungen wenig zählen, dass der schnelle eigene Erfolg die politischen Inhalte oder unternehmerischen Strategien vorgibt und dies zur ‚Verkurzfristigung‘ allen Handelns führt - dann sitzen auf den Spitzenposten nicht die besten und verantwortungsvollsten Leute, sondern diejenigen, die sich als besonders anpassungsfähig und rücksichtslos erwiesen haben. Das ist eigentlich kein Eliteversagen - diejenigen, die dort sitzen, hatten ja Erfolg mit ihrem Verhalten. Versagt hat hier die Gesellschaft, die diese Leute (wegen ihrer Stellung, ihres Geldes und ihrer Wirkungsmöglichkeiten) als Elite anerkannt hat. Solche Eliten sind nicht Eliten, sondern nur schlechte Führungskräfte."

Prantl fordert ein Umdenken - ein Denken an und über die "wirklichen" Eliten der Gesellschaft. Nicht diejenigen mit viel Geld oder Macht, sonder die, die die sich in Wohlfahrtsverbänden, in sozialen Initiativen, Vereinen, Bürgerstiftungen, in Betriebsräten, Mitarbeitervertretungen engagieren, an der Basis der Demokratie. Das kostbarste Kennzeichen eines Gemeinwesens, das sich dem Gemeinwohl verpflichte, sei das Engagement seiner Bürger:

"Erstens das professionelle Engagement der Stiftungen und der Wohlfahrtsverbände. Zweitens das ehrenamtliche Engagement von vielen Freiwilligen. Und drittens die gute Zusammenarbeit zwischen den Profis und den Ehrenamtlichen. Aus eins, zwei und drei ergibt sich die Zivilgesellschaft.

Zivilgesellschaft ist das gute, kluge, effektive Zusammenwirken von professionellen, aber nicht kommerziellen Wohlfahrtsverbänden und von vielen engagierten, ehrenamtlich tätigen Bürgerinnen und Bürgern. Zivilgesellschaft besteht aus den karitativen Verbänden, aus Stiftungen, aus vielen großen und kleinen Bürgerinitiativen. Die Zivilgesellschaft beantwortet eine Frage, die in Zeiten von anhaltend schlechten Nachrichten besonders beliebt ist: Wo bleibt eigentlich das Positive?

Es gibt dieses Positive - nämlich die vielen sozialen und gesellschaftspolitischen Initiativen, die dort ansetzen, wo es der Staat oder die Kommune nicht oder nicht mehr tut: Sie machen Kultur; sie finanzieren, was der Staat nicht mehr finanziert; sie kümmern sich, viel persönlicher, als dies die beste staatliche Jobagentur kann, um Ausbildungsplätze für Jugendliche; sie leisten Hausaufgabenhilfe für ausländische Kinder; sie begleiten türkische Eltern zur Klassenversammlung; sie kriechen unter den Teppich, den Hartz IV über die neuen Armen der Gesellschaft gebreitet hat; sie tischen ihnen etwas zu essen auf; mehr als 800 Tafeln gibt es mittlerweile in Deutschland, an denen gespendete Lebensmittel serviert werden; wenn es ganz gut geht, kümmern sich die sozialen Initiativen darum, dass die Menschen in der Armut nicht nur auskommen, sondern auch darum, dass sie aus der Armut wieder fortkommen. Das ist nicht nur positiv, das ist wunderbar. Die Ehrenamtlichen sind die Unbezahlbaren dieser Gesellschaft. Sie sind die Elite. […]

Wer die Projekte der Stiftungen und Bürgervereine studiert, der entdeckt einen Reichtum an Ideen und Engagement […]. Die Zivilgesellschaft erstreckt sich über ein breites Spektrum, viel breiter, als es die Volksparteien in ihren besten Zeiten hatten. Sie reicht von Attac bis zur Milliardärsstiftung. Ihre Arbeit ist Wertschöpfung für das Gemeinwohl. Die These vom galoppierenden Hedonismus dieser Gesellschaft stimmt nicht; sie beschreibt jedenfalls nur einen Teil der Wirklichkeit. Es gibt eine starke Gegenbewegung, es gibt eine Renaissance dessen, was man früher Ehrenamt nannte, es gibt eine neue Kultur der Stiftungen. Das ist das Positive.

Das private Engagement der Bürger ist kein Ersatz für den Sozialstaat, schon deswegen nicht, weil die Wirtschaftskrise auf die Privaten als Spenden- und Finanzierungskrise durchschlägt. Die Arbeit von Bürgerstiftungen, Vereinen und Bürgerinitiativen und Tafeln kann nur eine Ergänzung des Sozialstaats sein. Der Staat hat seine Pflicht zu erfüllen, privates Engagement ist die Kür. Das Gemeinwohl braucht den Sozialstaat - und es braucht die privaten Kümmerer, und die Stiftungen und Vereine, die dieses Kümmern organisieren und begleiten.

Vor einiger Zeit haben es sich gewisse Leute angewöhnt, über die von ihnen sogenannten Gutmenschen zu lästern. Der größte publizistische Erfolg des bürgerschaftlichen Engagements ist, dass das verächtlich gebrauchte Wort 'Gutmenschen' wieder aus der Mode gekommen ist. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass die Lästerer in der Krise merken, wie sehr man diese Menschen braucht. Das herablassende Gerede über die Gutmenschen hatte im Übrigen das früher übliche Gelächter und Gekicher über die angeblichen ehrenamtlichen Wichtigtuer abgelöst. Natürlich hat es Wichtigtuer im Ehrenamt immer gegeben, es gibt sie sicher auch heute noch. Aber mir ist im Zweifel ein Wichtigtuer, der sich ehrenamtlich engagiert, lieber als ein Nichtstuer, der nur dumm daherredet.

Es geht, wenn wir vom Ehrenamt, vom bürgerschaftlichen Engagement, reden, um Haltung. Haltung ist etwas, das einer Gesellschaft Halt gibt. Wer der Gesellschaft Halt gibt - der gehört zur Elite."


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Foto: Wikipedia

Die Rede zum Thema "Die Elite und die kleinen Leute - Politik und Verantwortung nach der großen Wirtschaftskrise" von Heribert Prantl beim Neujahrsempfang der Stadt Friedrichshafen am 17. Januar 2010, erschienen in der Tageszeitung "Südkurier" am 19. Januar 2010