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"Collective Impact - gesellschaftlichen Wandel gemeinsam gestalten"

08. Januar 2013

Weitreichende gesellschaftliche Veränderungen machen eine breite sektorübergreifende Kooperation notwendig, aber die Zivilgesellschaft ist bis jetzt überwiegend auf die isolierte Intervention einzelner Organisationen beschränkt.

Deutsche Zusammenfassung des Artikels "Collective Impact" aus Stanford Innovation Review Winter 2011. Autoren: John Kania und Mark Kramer.

Selbst große Stiftungen wie die Annenberg Foundation, Ford Foundation, and Pew Charitable Trusts haben in den USA ihre Bemühungen um eine Reform des Erziehungswesens ausgeschöpft und wegen mangelnden Erfolgs aufgegeben. Die USA sind von ihrem ehemaligen ersten Platz als Land mit der höchsten Schullabschlußrate auf Platz 18 auf der Rangliste abgestürzt, mehr als eine Million Schüler brechen jedes Jahr die Schulausbildung ab. Unzählige engagierte Lehrer, zusammen mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und viel Stiftungsgeld haben es - bei allen einzelnen Erfolgen – offenbar nicht geschafft, das System grundlegend zu verbessern.

Aber obwohl die Chancen auf Wandel beschränkt sind, gibt es Beispiele, die erste Anzeichen einer Ausnahme dieser Regel der Erfolglosigkeit erkennen lassen. Zum Beispiel STRIVE, ein gemeinnütziger Teil von KnowledgeWorks, hat örtliche Führungskräfte zusammengebracht, um sich die Leistungskrise bei Schülern und bei der Erziehung im Stadtgebiet von Cincinnati und im nördlichen Kentucky anzunehmen. In den vier Jahren seines Bestehens haben die Partner von STRIVE dutzende Verbesserungen in Kernbereichen der drei öffentlichen Schulbezirke erreicht. Trotz der Rezession und Haushaltskrise haben 34 der 53 Erfolgsindikatoren, die STRIVE genau beobachtet, positive Trends aufgezeigt. Dazu gehören höhere Abschlussraten, bessere Noten der 4. Klassen in Lesen und Mathematik und die Zahl der Vorschulkinder, die auf den Kindergarten vorbereitet wurden.

Warum hat STRIVE einen solchen Erfolg erzielt, obwohl viele andere Bemühungen ohne Erfolg blieben? Das liegt daran, dass STRIVE örtliche Führungskräfte davon überzeugt hat, ihre jeweils individuelle Agenda zu verlassen zugunsten einer gemeinsamen Initiative im Bereich der schulischen Leistungsverbesserung. Mehr als 300 Führungskräfte lokaler Organisationen haben ihre Kooperation zugesagt: Die Leiter privater Stiftungen, Unternehmensstiftungen, Beamte der Schulbehörde und der Kommunalverwaltung, die Präsidenten von acht Universitäten und community colleges sowie die Vorstandsvorsitzenden hunderter gemeinnütziger und bildungsbezogener Initiativen.

STRIVE und eine Reihe weiterer collective impact Beispiele haben ein wichtiges Kriterium gemeinsam: Sozialer Wandel in großem Maß entsteht vielmehr aus transsektoraler Koordination als aus isolierten Interventionen einzelner Organisationen. Bis jetzt geschieht dies noch nicht oft, aber nicht weil es nicht möglich ist, sondern weil es zu selten ausprobiert wird. Stiftungen und andere gemeinnützige Einrichtungen übersehen gleichermaßen das Potential des collective impact, weil sie es gewohnt sind, sich nur auf ihre eigenen Aufgaben als primäres Instrument für gesellschaftlichen Wandel zu konzentrieren.

Isolierte Wirkung
Viele Förderer stehen vor der Aufgabe, wenige Zuwendungsempfänger aus vielen Antragsstellern herauszufiltern. Sie versuchen sich dabei zu vergewissern, welche Organisationen jeweils den größten Beitrag zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems liefern. Innerhalb der üblichen Konkurrenz um knappe Mittel müssen Zuwendungsempfänger ihrerseits beweisen, dass ihre jeweiligen individuellen Aktivitäten den größten Effekt erzielen. Jede Organisation wird nach ihrem eigenen gesellschaftlichen Wirkungspotential beurteilt, unabhängig davon, ob zahllose andere Organisationen auch einen Einfluss auf das Thema ausüben könnten. Die Zivilgesellschaft arbeitet zumeist nach dem Prinzip der "isolierten Wirkung". Es ist ein Ansatz, dessen Förderung darauf abzielt, die Problemlösung in oder mit einer einzelnen Organisation zu suchen, mit der Hoffnung, dass diese einzelnen tätigen Organisationen wachsen, sich replizieren oder ihre Wirkung ausweiten werden.

Die fünf Erfolgsbedingungen für gemeinsamen Erfolg
Die Forschung der Autoren zeigt, dass erfolgreiche collective impact Initiativen typischerweise fünf Bedingungen erfüllen, die zusammen die passende Ausrichtung erreichen und zu schlagkräftigen Ergebnissen führen: eine gemeinsame Agenda, gemeinsame Wirkungsmessungssysteme, sich gegenseitig stärkende Aktivitäten, kontinuierliche Kommunikation und Unterstützungsorganisationen, die als Rückgrat für die jeweilige collective impact Initiative dienen.

Die Finanzierung von collective impact Initiativen
Natürlich kostet es Geld collective impact Initiativen finanziell zu unterstützen, aber es kann auch ein sehr lukratives Investment sein. Eine Rückgratorganisation mit einem bescheidenen jährlichen Budget kann eine collective impact Initiative aus mehreren hundert Organisationen unterstützen und damit die tatsächliche Wirkung von Millionen oder gar Milliarden Dollar aus bestehenden Fördertöpfen vergrößern. STRIVE hat z.B. einen jährlichen Haushalt von $1.5 Millionen, aber es hat eine koordiniernde Funktion und verstärkt die Effektivität von Organisationen mit einem Finanzvolumen von insgesamt $ 7 Milliarden.

Die Zivilgesellschaft hat jedoch bisher noch nicht ihre Förderpraxis verändert, um den Wechsel zu collective impact Initiativen zu ermöglichen. Solange die jeweiligen Förderer aber nicht bereit sind diese neue Herangehensweise zu übernehmen und genügend Mittel in die nötige Förderung, Koordination und Wirkungsmessung investieren, wird sich die notwendige Infrastruktur nicht entwickeln.

Zukunftsschock
Wie könnte der gesellschaftliche Wandel aussehen, wenn Geldgeber, gemeinnützige Organisationen, Regierungen, zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Führungskräfte das Konzept des collective impact übernehmen würden? Die jüngsten Entwicklungen bei STRIVE liefern spannende Anzeichen dafür, was möglich sein könnte. STRIVE hat damit begonnen, das Gelernte zu dokumentieren und weiterzugeben, damit andere Gemeinden die Wirkung des collective impact schneller erreichen können. Die Organisation arbeitet zurzeit mit neun anderen Kommunen zusammen, um vergleichbare Initiativen von Kindesbeinen an bis zur Karriere aufzubauen.

Diese aufregende Revolution der STRIVE collective impact Initiative ist meilenweit entfernt von einem isolierten Wirkungsansatz, der noch immer die Zivilgesellschaft beherrscht und der jedem Versuch eines größeren, umfassenderen Wandels entgegen wirkt. Falls erfolgreich, lässt er erahnen, dass sich eine neue Herangehensweise durchsetzten wird, die es ermöglichen wird, die schwierigsten gesellschaftlichen Probleme der heutigen Zeit mit den schon verfügbaren Mitteln zu lösen. Es wäre ein Schock für das System. Aber es ist eine Form der Schock-Therapie, die dringend benötigt wird.

Die englische Originalversion "Collective Impact" erschien im Winter 2011 in der Stanford Social Innovation Review, verfasst von John Kania und Mark Kramer.


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Download der englischen Originalversion "Collective Impact"