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CSR in der Krise?

27. April 2009

Führt die gegenwärtige Finanzkrise tatsächlich zu schweren Zeiten für CSR? Prof. Dr. André Habisch hält dies für unausweichlich und prognostiziert zugleich mehr Authentizität für die deutsche CSR 'Szene'. Habisch ist Professor an der Katholischen Universität Eichstätt und Direktor des Center for Corporate Citizenship (CCC).

Der griechische Begriff der krisis, abgeleitet von krino bzw. krinein (scheiden, auswählen, beurteilen, aber auch ent-scheiden) war in der lateinischen Spät- und Nachantike (genauer: seit dem corpus Hippocraticum) zunächst im medizinischen Bereich beheimatet. Er bezeichnet dort diejenige fieberhafte Zuspitzung einer Infektionskrankheit, die entweder auf den Tod oder auf eine Heilung hinausläuft. Im Falle der Heilung sinkt die Gefahr, dass der Patient in Zukunft am gleichen Übel noch einmal erkrankt: Im diesem Falle geht die Krise also mit einer katharsis (Reinigung) einher.

Die gegenwärtige Entwicklung an den internationalen Finanz- und Gütermärkten wird sich in diesem Sinne als Krise der CSR Praxis erweisen. Kostenträchtige aber oberflächliche Programme ohne strategische Rückkopplung werden die teilweise existenzbedrohliche wirtschaftliche Situation der Unternehmen nicht überleben: sie werden sich als 'überflüssiger Ballast' erweisen. Nur diejenigen internen wie externen CSR Aktivitäten, die mit dem Wertschöpfungsprozess verflochten und so zum Bestandteil der Unternehmenskultur geworden sind, werden festgehalten und noch weiter ausgebaut. Danach wird die deutsche CSR 'Szene' kleiner – aber authentischer sein.

Das CSR Konzept ist nun auch in der deutschen Politik angekommen. Doch noch stellt es dort nicht viel mehr als eine Art Platzhalter der internationalen Diskussion dar. In der nächsten Legislaturperiode werden Fragen zu beantworten sein wie: Was bedeutet CSR für ein zeitgemäßes Konzept von Bildungspolitik auf lokaler und regionaler Ebene? Was bedeutet CSR für Integrationspolitik und Antidiskriminierung? Für Familienpolitik und Work-Life-Balance? Was bedeutet CSR in der Umweltdebatte und in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit? Die Globalisierung tariert das Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft neu aus – dies muss problembezogen in entsprechende ordnungspolitische Leitkonzepte übersetzt werden. Politik und Verwaltung müssen dem CSR Gedanken (als Ausdruck des Subsidiaritätsprinzips!) auch in der Alltagspraxis unserer Institutionen Rechnung tragen.

Für die Firmen bedeutet das, sich unter dem Stichwort CSR nicht nur auf defensive Compliance Programme zu beschränken. Seriöse Geschäftspraktiken im In- und Ausland sind unverzichtbar; doch wenn der gegenwärtig medial vorherrschende Eindruck des Versagens von Führungskräften und der 'bonus-Jagd' auch in massiv subventionierten Unternehmen überwunden werden soll, dann muss Mitverantwortung auch augenfällig werden. Glaubwürdige Kommunikation setzt hier die Existenz glaubwürdiger Programme voraus. Nicht nur persönliche Integrität, sondern auch durchdachtes und wirksames Citizenship Engagement ist gefragt.

Die Abfederung der Finanzkrise wird öffentliche Mittel in Milliardenhöhe binden, die für die Bewältigung gesellschaftlicher Zukunftsaufgaben nicht mehr zur Verfügung stehen. Doch nicht nur Risiken, sondern auch Chancen sind 'systemisch'. In einer zur Rettung durch den Staat komplementären Initiative werden Unternehmen stärker als bislang in Human-, Sozial-, Bildungs- und Umweltvermögen ihres Gemeinwesens investieren müssen – auch um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit ihres Standortes und die Lebensqualität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nachhaltig zu sichern. Nur Verantwortung kann Freiheit erhalten – das verstehen wir in der Krise besser als vorher.

Bei diesem Text von André Habisch handelt es sich um ein Handout des Kongresses 'Politik und Kommunikation'.


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