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"Diedersdorfer Impulse" - Engagement von Senioren stärken

09. Juli 2010

Auf dem gemeinsam vom Bundesverband Deutscher Stiftungen und dem Generali Zukunftsfonds veranstalteten 2. Zukunftssymposium wurden Ende Juni die "Diedersdorfer Impulse" vorgestellt und diskutiert. Die Impulse sollen ein neues Altersbild in Politik und Gesellschaft verankern und verweisen auf die wichtigsten Stellschrauben für eine strategische Förderung des bürgerschaftlichen Engagements älterer Menschen durch politische Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen und Unternehmen.

Diedersdorfer Impulse

I. Bürgerschaftliches Engagement ist für eine vitale Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt unabdingbar. Bürgerinnen und Bürger, die sich - auch und besonders in der nachberuflichen Lebensphase - engagieren, gestalten ihr Gemeinwesen aktiv mit, bauen ihr soziales Netzwerk aus, steigern ihr psycho-soziales Wohlbefinden und tragen etwas zu ihrer eigenen Gesunderhaltung bei.

Die großen Herausforderungen, denen wir uns in Politik und Gesellschaft gegenüber sehen - sei es Integration, demografischer Wandel, Reform des Bildungswesens oder Umbau des Sozialstaats kann der Staat nur zusammen mit einer aktiven und engagierten Bürgergesellschaft erfolgreich bewältigen. Lösungen müssen gemeinsam von Staat, zivilgesellschaftlichen Akteuren und Wirtschaft entwickelt und umgesetzt werden.

II. Die künftige Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in einer alternden Gesellschaft wird immer mehr davon abhängen, ob es gelingt, das Engagementpotenzial älterer Menschen noch stärker zu verwirklichen. Der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten sowohl absolut als auch relativ ansteigen. Die bisherigen drei Erhebungswellen des Freiwilligensurveys können eindrucksvoll belegen, dass sich die Beteiligung der Gruppe der "jungen Alten" am bürgerschaftlichen Engagement im letzten Jahrzehnt deutlich erhöht hat. Hier kommen sowohl die veränderten Bedingungen des Alterns als auch generationsspezifische Erfahrungen der "Post-1968er-Generation" in Westdeutschland sowie der Bürgerbewegung in Ost-Deutschland zum Tragen. So verweist die gerontologische Forschung darauf, dass die jüngeren Rentnergenerationen über einen vergleichsweise guten Gesundheitszustand verfügen, materiell relativ gut abgesichert sind und eine verlängerte Phase des "dritten Lebensalters" gestalten müssen. Für diese Gestaltungsaufgabe kann es auch wichtig sein, im bürgerschaftlichen Engagement einen neuen förmlichen Status zu erhalten, der den bisherigen beruflichen Status mit anderen Mitteln fortsetzt und sinnstiftend wirkt sowie Anerkennung befördert. Für den quantitativen Ausbau und die qualitative Weiterentwicklung des bürgerschaftlichen Engagements älterer Menschen waren die gesellschaftlichen Bedingungen vielleicht noch nie so günstig wie zur Zeit.

III. Trotz dieser günstigen Bedingungen beteiligen sich längst nicht alle älteren Menschen am bürgerschaftlichen Engagement. Dies liegt zum Teil an fehlendem Interesse oder hinderlichen individuellen Bedingungen, zum Teil aber auch an fehlenden Informationen, Gelegenheiten zum Einstieg in das Engagement und widrigen Rahmenbedingungen. Nach wie vor sind Praktiken der Altersdiskriminierung in allen Bereichen der Gesellschaft keineswegs verschwunden. Auch ist es - trotz der durchaus intensiven und lang anhaltenden Bemühungen - bis heute nicht gelungen, ein neues Leitbild des "aktiven" und "produktiven" Alters zu etablieren. Damit stoßen ältere Menschen, die sich in ihrem sozialen Umfeld und darüber hinaus beteiligen und praktisch mitwirken wollen, immer noch auf Widerstände, Barrieren und Unverständnis. Es ist deshalb eine gesellschaftspolitische Aufgabe ersten Ranges, die Rahmenbedingungen für das Engagement für ältere Menschen zu verbessern und mögliche Barrieren und Hindernisse abzubauen. Dies gilt besonders für die Öffnung der Institutionen und Unternehmen für mehr bürgerschaftliches Engagement.

IV. Zentrale Eckpunkte einer Strategie für das bürgerschaftliche Engagement älterer Menschen sollten sein:

  1. Der wesentliche Teil des bürgerschaftlichen Engagements findet vor Ort bzw. in den kommunalen Gebietskörperschaften statt. Es ist daher zentral, die Rahmenbedingungen für Engagement auf Quartiers- und kommunaler Ebene auch unter Bedingungen prekärer Finanzausstattung der Kommunen sicherzustellen. Dabei geht es sowohl um die Beteiligung älterer Menschen an der Gestaltung kommunaler Daseinsvorsorge als auch um deren Beteiligung an Entscheidungen, die sie im kommunalen Nahraum unmittelbar betreffen. Ältere Menschen sollten mit ihrem Erfahrungswissen und ihren Ressourcen sowohl als Initiatoren als auch als Mitwirkende in lokalen Projekten und Initiativen gewonnen und auch als Entscheidungsträger unterstützt werden. Mit dieser Ressource kann insbesondere in den Bereichen Integration, Bildung und im Bereich der häuslichen Pflege und Betreuung eine nachhaltige Verbesserung erreicht werden. Zugleich erreichen die älteren Engagierten damit für sich selbst eine höhere Lebensqualität.
  2. Um die Potentiale des bürgerschaftlichen Engagements der Älteren zuzulassen und zu fördern, sind Rahmenbedingungen für eine nachhaltige lnfrastruktur und für die Stabilisierung von Engagement und Partizipation älterer Menschen weiter zu entwickeln. Es ist zu prüfen, inwiefern ein bundeseinheitliches nachhaltiges Förderinstrument geschaffen oder aber als Bestandteil des im Koalitionsvertrag vorgesehenen Gesetzes für bürgerschaftliches Engagement entwickelt werden kann. Dabei sollten insbesondere die bewährten Plattformen sowie vorhandene Strukturen für Beratung, Vernetzung und Koordinierung institutionell gefördert werden. Angesichts des gesellschaftlichen Nutzens des bürgerschaftlichen Engagements, ist die öffentliche Förderung von Engagement-Infrastruktur eine wichtige Aufgabe.
  3. Das staatliche Zuwendungsrecht ist so wirksam wie möglich anzuwenden, um die eigenständige Aufgabenerfüllung der jeweiligen Zuwendungsempfänger zu erleichtern. Es sind aber auch innovative Finanzierungswege z.B. über Stiftungen (auch Bundesstiftung) zu gehen.
  4. a) Die wissenschaftliche Forschung zum bürgerschaftlichen Engagement insgesamt sowie zum Engagement älterer Menschen muss verstärkt gefördert werden. Dies gilt sowohl für Grundlagenforschung als auch für angewandte Forschung sowie die Ressortforschung von Bundes- und Landesministerien. Ein näher zu bestimmender Anteil der bereitstehenden Forschungsmittel im Rahmen der Ressortforschung sollte für bürgerschaftliches Engagement reserviert werden.
    b) Darüber hinaus bedarf es einer besseren Koordinierung und Vernetzung vorhandener Forschungsvorhaben und -aufträge. Entsprechende Service- und Vernetzungsstellen sollten in geeigneter Form entwickelt und angeboten werden.
    c) Bei der Entwicklung und Umsetzung von Modellvorhaben des Bundes und der Länder sollte eine unabhängige Evaluation der Wirkungen sichergestellt werden.
    d) Die Erhebung amtlicher statistischer Daten zum bürgerschaftlichen Engagement auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene ist sicherzustellen (zum Beispiel mittels des Mikrozensus). Dabei ist auf eine nach Altersstufen differenzierte Erfassung des Engagements zu achten.
  5. In den letzten Jahren sind im Bereich des Seniorengagements und der Selbsthilfe unterschiedliche Verbände, Arbeitgemeinschaften und Netzwerke entwickelt worden (Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros, Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesseniorenvertretungen, Bundesarbeitsgemeinschaft der SeniorTrainer, Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniortrainer etc.). Um eine wirksame Interessenvertretung und Verbesserung der Unterstützung älterer Menschen in ihrem Engagement zu erreichen, wäre diesen Netzwerken und zivilgesellschaftlichen Akteuren zu empfehlen, enger zusammenzuarbeiten und gemeinsame Aktivitäten im politischen und sozialen Bereich zu Gunsten älterer Menschen zu entwickeln. Dabei wäre auch zu prüfen, inwieweit die Zusammenarbeit mit anderen lnfrastruktursäulen (zum Bsp. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen, BBE etc.) intensiviert werden könnte.
  6. Die Förderung und Unterstützung des bürgerschaftlichen Engagements sowie die Entwicklung einer nationalen Engagementstrategie ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die nur im Zusammenwirken von Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft realisiert werden kann. Erfahrungsaustausch, wechselseitige Lernprozesse sowie die Entwicklung gemeinsamer Vorhaben setzen geeignete Formen und Rahmenbedingungen für Ko-Produktion sozialer Dienstleistungen voraus. Für die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements allgemein sowie speziell für das Engagement älterer Menschen ist es daher unabdingbar, dass Bund, Länder und Kommunen bei der Entwicklung förderlicher Rahmenbedingungen enger zusammenarbeiten und ihre Programme und Vorhaben besser aufeinander abstimmen. "Projektruinen", die sich aus ungeklärten Folgefinanzierungsregelungen ergeben, sollten vermieden werden. Auch die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen, Wirtschaftsunternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen sollte weiterentwickelt werden. Insbesondere trisektorale Netzwerke, wie etwa das BBE auf Bundesebene, entsprechende Landesnetzwerke sowie kommunale Netzwerke sowie das Nationale Forum für Engagement und Partizipation sollten durch aktives Mitwirken von Akteuren aus allen gesellschaftlichen Bereichen bei der Erfüllung ihres Auftrages aktiv unterstützt werden. So könnte eine neue Beteiligungs- und Anerkennungskultur geschaffen werden, die ihrerseits Motor wäre für eine weitere Integration und Teilhabe.

Das Impulspapier ist ein Diskussionsergebnis beim 5. Forum Bürgergesellschaft "Eckpunkte einer Engagementstrategie für Ältere" der Stiftung Bürger für Bürger am 23. und 24. April 2010. Der Generali Zukunftsfonds fördert das Forum Bürgergesellschaft seit 2008.


Weiteres zum Thema

Weitere Informationen zum 2. Zukunftssymposium

generali-zukunftsfonds.de 

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