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Erster Engagementbericht - "Die Chance zur Klarheit vergeben"

19. Oktober 2012

Im August hat das Bundeskabinett den Ersten Engagementbericht "Für eine Kultur der Mitverantwortung" mit dem Schwerpunkt bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen beschlossen. In einer Kommentierung aus Unternehmenssicht setzen sich Loring Sittler und Uwe Amrhein, beide Generali Zukunftsfonds, kritisch mit dem Bericht sowie dem zugrunde liegenden Verständnis gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen auseinander.

Der Kommentar ist zuerst im BBE-Newsletter Nr. 20 vom 18.10.2012 erschienen und wurde mit freundlicher Genehmigung der Autoren zur Verfügung gestellt.

Die Chance zur Klarheit vergeben

Dass es ihn gibt, ist ein wichtiges und gutes Zeichen: Der Engagementbericht der Bundesregierung mit dem Schwerpunkt Unternehmensengagement erhebt erstmalig konkrete Angaben zu Form und Inhalt des gesellschaftlichen Engagements der deutschen Wirtschaft. Einige der Handlungsempfehlungen im Fazit bringen wichtige Aspekte richtig auf den Punkt. Doch ausgerechnet bei der Bewertung der Motivation von Unternehmen und der ethischen Herleitung von Corporate Social Responsibility springen die Autoren deutlich zu kurz.

Die Kommission versäumt es in weiten Teilen des Berichts, das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen hinreichend ethisch zu begründen. Anders ausgedrückt: Einige Schlüsselsätze lassen die wichtige Abgrenzung des Unternehmensengagements von Marketingzwecken vermissen. Das birgt Gefahren.

Unternehmen, die ihr gesellschaftliches Engagement ernst nehmen, wollen zur Lösung eines Problems beitragen. Ein Gewinn an Reputation und Bekanntheit mag sich dabei irgendwann zusätzlich einstellen. Das entscheidende Motiv ist er nicht.

Dies stellt der Bericht nicht klar. Und bedauerlicherweise zieht sich dieses Defizit wie ein roter Faden durch das Fazit des Berichts, mal abgesehen von der über 1.000 Seiten umfassenden Langfassung. So heißt es in Ziffer 13 auf Seite 13 der Zusammenfassung wörtlich: „Faktische Verantwortungsübernahme durch Unternehmen zählt, nicht das Motiv. Bürgerschaftliches Engagement kann von originär unternehmerischen Zielen bestimmt sein.“

Das ist wahr und richtig. Aber nur, wenn im gleichen Zusammenhang erwähnt wird, dass die „unternehmerischen Ziele“ eben nicht nur wirtschaftliche Erfolge umfassen. Dieser Hinweis unterbleibt. Und mit ihm unterbleibt eine fällige Kritik an der oft betriebenen Verkürzung und Verfälschung des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen auf reine Marketingmaßnahmen sowie an der damit verbundenen Instrumentalisierung zivilgesellschaftlicher Partner für kommerzielle Zwecke.

Damit wurde die Chance vertan, viele Missverständnisse und Vorbehalte gegenüber dem gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen zu beseitigen. Im folgenden Satz der Handlungsempfehlung Nr. 20 wird das deutlich: „Bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen reflektiert die unvermeidbare gesellschaftliche Einbettung, und zwar besonders in Zeiten der Globalisierung [...] Unternehmen sind angesichts der krisenbedingt verschärften Reputationszweifel gut beraten, sich in überzeugender Weise als Träger gesellschaftlicher Verantwortung zu profilieren.“ (Seite 16)

Hier fehlt die unmissverständliche Klarstellung, dass das bürgerschaftliche Engagement (und damit die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen) „unvermeidbar“ zur gesellschaftlichen Einbettung gehört – und zwar unabhängig von Reputationszweifeln, Globalisierung und Finanzkrisen. Gewollt oder nicht reduzieren die Autoren die gesellschaftliche Verantwortung auf ein Instrument zur Bekämpfung von gerade aktuellen, wirtschaftlich schädlichen Reputationszweifeln – sie stellen sie damit als eine Art Fortsetzung des Marketings mit anderen Mitteln dar.

Damit untergräbt diese Passage des Berichts genau die Glaubwürdigkeit, von der unternehmerisches gesellschaftliches Engagement lebt. Und sie spielt damit den Gegnern des marktwirtschaftlichen Systems voll in die Hände.

Auf die Spitze getrieben wird der Widerspruch, wenn es dann heißt: „Sie (die Unternehmen) sollten sich dabei nicht scheuen, ihre Legitimation unabhängig von bürgerschaftlichem Engagement zu sehen. Erst die selbstbewusste Positionierung als marktwirtschaftliche Akteure eröffnet den Zugang zu einem glaubwürdigen und überzeugenden Engagement in gesellschaftlich virulenten Fragen.“ (Seite 16)

Der zweite Satz des Zitats ist vollständig richtig: Die Positionierung als marktwirtschaftlicher Akteur und ein glaubwürdiges gesellschaftliches Engagement gehören untrennbar zusammen, genauso wie die Marktwirtschaft als Teil der Freiheit zu betrachten ist. Wenn das stimmt, dann gibt es aber keine vom bürgerschaftlichen Engagement (oder besser: von der gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmens) unabhängige „eigentliche“ Legitimation unternehmerischen Handelns.

Kurz: Der Engagementbericht vergibt eine Chance. Die Chance, an entscheidender Stelle den Begriff der unternehmerischen Verantwortung im Zusammenhang mit gesellschaftlichem Engagement zeitgemäß zu definieren.

Immer wieder scheint ein Missverständnis hervor, das zu fehlender Klarheit im Bericht führt: In Handlungsempfehlung 17 wird als „der eigentliche Unternehmenszweck die Produktion von Gütern und Dienstleistungen“ (Seite14), der „den zentralen gesellschaftlichen Nutzen stiftet.“ (Seite 15) beschrieben. Im Umkehrschluss degradiert diese Definition die eigenständige, grundsätzliche gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen zu einer Art milder Beigabe, zu einer großzügig – um nicht zu sagen gutsherrlich – gewährten Mit-Verantwortung, der man sich auch entziehen könnte, wenn man „überfordert“ (Ziffer 17, Seite 14) wird.

Der aus dem vorletzten Jahrhundert stammende „antagonistische“ Gegensatz von Eigennutz und Gemeinnutz feiert fröhlich Urständ. Folgerichtig wird das ganze Unternehmensengagement auf eine bloße wirtschaftliche Funktion verengt: Es soll die „Erosion des Vertrauens in die soziale Marktwirtschaft, die Wirtschaft generell und die Unternehmen im Besonderen gestoppt werden“ (Seite15). Deutlicher geht es nimmer: Unternehmensengagement als Arznei gegen die Vertrauenskrise – und dann eben nicht als notwendiger Weg, eine bestimmte gesellschaftliche Herausforderung als Akteur aus eigener (Mit-) Verantwortung zu lösen, weil die Unternehmen auf eine funktionierende Gesellschaft angewiesen sind.

Gerade die im allgemeinen Teil des Berichts nachgewiesene, sehr deutliche Kurz- und Mittelfristigkeit sowie die lokale Gebundenheit und das weitgehende Fehlen einer strategischen Ausrichtung des Unternehmensengagements, hätte im Bericht auch zu einer Handlungsempfehlung an die Unternehmen führen müssen, ihr eigenes Engagement besser auszurichten und auch überregionale Infrastrukturen langfristig zu fördern.

Der Bericht beschränkt sich leider auf Empfehlungen an die Regierung, nicht an die anderen, fast gleichwichtigen Akteure Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Das wirkt unverständlich, zumal der Dreiklang der Sektoren die erste Handlungsempfehlung bildet:

„Erst das ausgewogene, komplementäre Zusammenwirken von Aktivitäten des Staates, der Bürgergesellschaft und der Wirtschaft ermöglicht eine zeitgemäße Entwicklung des Gemeinwohls.“ (Ziffer 1, Seite 9)

Diese Aussage unterstreicht die wünschenswerte Abkehr von der bisher beanspruchten Dominanz der Politik im Verhältnis zu den beiden anderen Sektoren. Das ist richtig und wichtig. Umso bedauerlicher wirkt es, dass die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zu dem Bericht genau diese schon funktionierenden Kooperationen verschweigt und ausschließlich auf ihre eigene Förderung beispielsweise des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (S.15), der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (S.15), der Initiative Bürgerstiftungen (S.16), des Deutschen Engagementpreises (S. 18f.) oder des Forschungsvorhabens für Hochaltrige (S.30) hinweist. Offenbar fällt es der Bundesregierung nach wie vor nicht leicht, das Engagement der anderen Akteure anerkennend zu würdigen.

Leicht folgen lässt sich den meisten engagementpolitischen Feststellungen und Handlungsempfehlungen. Die wichtigsten seien hier spiegelstrichartig aufgeführt und kommentiert:

Dass der Bericht unter Ziffer 3 „Engagement bedeutet Mitverantwortung“ neben den wirklich wichtigen Fragen „Für eine Kultur der Mitverantwortung“ eintritt und einen „breiten Diskurs über die Bedeutung, die Bedingungen und die Herausforderungen der Bürger- beziehungsweise Zivilgesellschaft in unserer Verfassungsordnung und Gesellschaft“ empfiehlt, ist fast schon eine Pflichtübung. Wir haben aber kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Problem mit einer weitverbreiteten, falschen Haltung gegenüber unserem eigenen Staat, die in einem nur als obrigkeitsstaatlichen Verständnis von Partizipation gipfelt. Dies wird im folgenden Satz überdeutlich: „Welche Rahmenbedingungen können geschaffen werden, dass sich die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig mit politisch und administrativ geplanten Projekten identifizieren, sich beteiligen und für deren erfolgreiche Realisierung auch verantwortlich fühlen?“ (Seite 10) Immer noch sollen die Bürger vor den staatlichen Karren gespannt werden. Der Raum für unbequemen partizipativen Widerstand einiger Bürger gegen schlecht kommunizierte staatliche Vorhaben ist keine Erwähnung wert. Auch keine Aussage ist eine Aussage.


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Loring Sittler ist seit 2008, Uwe Amrhein seit dem 1.Oktober 2012 Leiter des Generali Zukunftsfonds (GZF). Der GZF ist die Abteilung für Corporate Citizenship und verwirklicht damit einen Teil der gesellschaftlichen Verantwortung der Generali Deutschland Holding AG.

Internetseite Generali Zukunftsfonds

Generali Deutschland ist Mitglied im UPJ-Unternehmensnetzwerk.

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