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Milton Friedman im Dialog mit John Mackey über soziale Verantwortung von Unternehmen

07. November 2005

Im amerikanischen Magazin "reason" erschien im Oktober 2005 ein spannender Schlagabtausch über die soziale Verantwortung von Unternehmen zwischen dem Nobelpreisträger für Wirtschaft, Milton Friedman und John Mackey, dem Vorstandsvorsitzenden der erfolgreichen Öko-Supermarktkette "Whole Foods", sowie T.J. Rodgers, Chef einer Chipherstellerfirma.

Hier prallen zwei Welten aufeinander: knallharter Marktliberalismus trifft auf das "Unternehmen als Bürger"- Konzept. John Mackey legt seine Sicht des Unternehmertums dar, danach sind Friedman und Rodgers, der vom Fortune Magazin als "one of America’s toughest bosses" betitelt wurde, an der Reihe, worauf Mackey zum Ende noch einmal antworten darf.

John Mackeys Beitrag eröffnet die Debatte mit der Feststellung, Ziel wirtschaftlichen Handelns sei nicht nur Profitmaximierung, sondern Wertsteigerung für alle Stakeholder eines Unternehmens.

"I believe that the enlightened corporation should try to create value for all of its constituencies. From an investor’s perspective, the purpose of the business is to maximize profits. But that’s not the purpose for other stakeholders—for customers, employees, suppliers, and the community. Each of those groups will define the purpose of the business in terms of its own needs and desires, and each perspective is valid and legitimate."

Mackey betont die Notwendigkeit für ein Unternehmen Profit zu machen und beschreibt sich selbst als einen überzeugten libertären Geschäftsmann. Er verteidigt aber das Engagement von Unternehmen für die „gute Sache“ gegen den Vorwurf, fremdes Geld (nämlich das der Investoren) zu vergeuden. Die Entscheidungsmacht eines Unternehmens liege in den Händen des Unternehmers, nicht der Investoren. Er entscheide über die Strategie und bestimme den Unternehmenssinn. Dem Investor bleibe die Entscheidung Geld zu investieren, wo er es für richtig halte und es wieder abzuziehen, wenn er nicht mehr mit den Unternehmenszielen übereinstimmt. Im Falle von "Whole Foods" sei neben Profitmaximierung, soziales Engagement explizites Unternehmensziel, ebenso wie gutes Essen für Kunden herzustellen und ein "verantwortlicher Bürger" zu sein. Diese Ziele werden offensichtlich von den Investoren akzeptiert. Deshalb sei soziales Engagement von Unternehmen durchaus folgerichtig, weil es neben der Triebkraft des Eigeninteresses und Eigennutzes noch weitere Triebkräfte gebe, die zum Sinn und Zweck eines Unternehmens beitragen. Mackey plädiert deshalb dafür, das Menschenbild des „homo oeconomicus“ zu korrigieren und das Bedürfnis, altruistisch Handeln zu wollen, anzuerkennen. Die Wirklichkeit, dafür sei Whole Foods ein Beispiel, zeige, dass dem so sei. Diese Form des Kapitalismus könne Schule machen und zeigen, dass Kapitalismus ein durchaus "menschliches Gesicht" hat.

"The business model that Whole Foods has embraced could represent a new form of capitalism, one that more consciously works for the common good instead of depending solely on the "invisible hand" to generate positive results for society. The brand of capitalism is in terrible shape throughout the world, and corporations are widely seen as selfish, greedy, and uncaring. This is both unfortunate and unnecessary, and could be changed if businesses and economists widely adopted the business model that I have outlined here."

Friedman überrascht in seiner Replik mit den einleitenden Bemerkungen, dass er mit Mackey im Grunde einer Meinung sei und sich nur die Wortwahl beider unterscheide. Er gibt das jedoch nur vor, damit er umso deutlicher herauszustellen kann, dass in seiner Auffassung vom freien Markt Mackeys Forderungen bereits enthalten seien. Er bezieht sich auf Mackeys Schlussfolgerungen, "Soziales Engagement von Unternehmen macht Sinn" und "Zielgruppe unternehmerischen Wirtschaftens sind alle Stakeholder" und erklärt sie als Nebeneffekte, die sich ergeben, sobald die Idee vom freien Markt verwirklicht würde, getreu seinem vorangestellten Zitat von Adam Smith, nachdem ein Mensch der Gesellschaft am dienlichsten sei, wenn er sein Eigeninteresse verfolge.

Die Auseinandersetzung mit den Stakeholdern sei richtig, erfolge jedoch in Wahrheit zu dem Zweck, den Unternehmensprofit zu maximieren und die Investoren zu befriedigen. Jedes soziale Engagement von Unternehmen diene im Kern dem Ziel, den Profit zu steigern. Dies würde auch von Investoren erkannt und sei somit eine akzeptable Strategie.

Fraglich ist für Friedman, warum die Entscheidung eines Unternehmens, einen Teil des Gewinns zu spenden, gerechtere, oder bessere Auswirkungen haben solle, als die Reinvestition in eine weitere wirtschaftliche Unternehmung. Ein Unternehmen habe weder Mandat noch Kompetenz zu entscheiden, was eine "gute Sache" sei. Trotzdem stimmt Friedman Unternehmensspenden zu, da sie wegen des "absurden Steuerrechts" profittechnisch von Vorteil seien.

"Whole Foods Market’s contribution to society—and as a customer I can testify that it is an important one—is to enhance the pleasure of shopping for food. Whole Foods has no special competence in deciding how charity should be distributed. Any funds devoted to the latter would surely have contributed more to society if they had been devoted to improving still further the former."

Auch die Stakeholder eines Unternehmens zu befriedigen sei in seinem Sinne, so Friedman, das geschehe jedoch in einer Gesellschaft, die auf Privateigentum beruhe, automatisch, sobald der wahrhaft freie Markt Wirklichkeit würde. Nur in diesem idealen Fall, könne man sicher sein, dass jede Ressource zu ihrem Besten, ergo, zum Besten der Gesellschaft genutzt werde.

T.J. Rodgers Einlassung hat eher polemischen Charakter. Er nimmt es Mackey Übel, dass der sich einem höheren moralischen Ziel verschreibt. Damit verleugne Mackey die entscheidende wichtigste Antriebskraft des Unternehmers, den Eigennutz. In seiner Antwort geht John Mackeys kurz auf Rodgers Vorwürfe ein und setzt sich dann ausführlich mit Friedman auseinander:

Während Friedmann zuvor jede unternehmerische Aktivität auf das Motiv der Profitmaximierung zurückgeführt hat, wiederholt Mackey seine Auffassung, dass es mehr Gründe für die Existenz von Unternehmen- zumindest von einigen- gebe. Er widerspricht damit Friedmans Aussage, sie teilten eine Meinung. Milton sei auf das wichtigste Argument seines Textes nicht eingegangen. Nicht die Investoren haben die Entscheidungshoheit über Sinn und Zweck des Unternehmens, sondern der Unternehmer. Da aber Friedman -aus den "falschen" Gründen zwar, so Mackey - dem Argument beigepflichtet habe, dass die Wertsteigerung für alle Stakeholder gerechtfertigt sei, verstehe er nicht, warum diese begrüßenswerte Tatsache nicht deutlicher kommuniziert würde. Mackey verweist hier trocken auf das bessere PR-Potenzial seiner Argumentation, womit sich der Ruf des Kapitalismus deutlich aufpolieren ließe.

"Why don’t Friedman and other economists consistently teach this idea? Why don’t they talk more about all the valuable contributions that business makes in creating value for its customers, for its employees, and for its communities? Why talk only about maximizing profits for the investors? Doing so harms the brand of capitalism."

Was die Kompetenz betrifft, zu wissen, was "das Gute" sei, sieht Mackey diese weder beim Staat, noch beim Unternehmen, oder Individuum. Miltons Schlussfolgerung, dass deshalb karitatives Tun unsinnig sei und man der Gemeinschaft mehr helfe, wenn man "auf dem Markt sein Eigeninteresse verfolgt", möchte er jedoch widersprechen. Im Menschen sei nicht nur das eigene Interesse, sondern auch Fähigkeit und Wille zu karitativem Tun vorhanden. Dies solle man deshalb Individuen ebenso wie Unternehmen zugestehen.

 


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