CSR in der Hochschul(aus)bildung

27. Mai 2010

Welche Rolle spielen ethische Fragen des Wirtschaftens in der Hochschulausbildung in Deutschland? Und wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da? Diesen Fragen gehen zwei Autoren des Studentennetzwerks sneep in ihrem Beitrag nach und kommen zu dem Schluss: Auch wenn seitens der Forschung ein Nachholbedarf konstatiert wird, sind bereits erste Konsequenzen sichtbar.

"Selbstreflexion gehört nicht zu den Stärken angehender Betriebswirte - vorsichtig ausgedrückt. […] aber gerade die Finanzkrise hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass Wirtschaftsexperten ihre Rolle reflektieren und sie umsichtig und ethisch ausfüllen." So schildert Elias Jammal, der sich als Professor für Interkulturelle Studien an der Hochschule Heilbronn unter anderem mit interkulturellem Management und internationaler Personalentwicklung beschäftigt, in einer großen deutschen Wochenzeitung seine Erfahrungen mit Studierenden der Wirtschaftswissenschaften. Wenn Jammal an dieser Stelle auch verallgemeinert, verweist seine Einschätzung doch auf ein tiefer gehendes Problem. Denn ein Mangel an Selbstreflexion hat ihre Ursache auch in einer Ausbildung, die angehende Ökonomen nicht ausreichend zum Nachdenken über ihre Rolle, ihre Haltung und ihr (potenzielles) Verhalten und dessen Folgen anleitet.

Eine solche Anleitung zur Reflexion in wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Studiengängen bietet, wie in allen anderen Studiengängen und Professionen auch, die Ethik. Wenn man das Eingangszitat als exemplarisch ansehen darf, besteht in der Behandlung von ethischen Fragen allerdings Nachholbedarf in der Hochschulausbildung.

CSR in der Hochschulausbildung - auch ein Thema des nationalen CSR-Forums
Der Zwischenbericht zur Entwicklung einer nationalen CSR-Strategie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales bemerkt, dass Corporate Social Responsibility in der Hochschulausbildung in Deutschland zurzeit "eher am Rande" behandelt wird. So gibt es bei einer großen Zahl von Universitäten und Fachhochschulen, die einen wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich haben (das sind über 70% der Unis und Fachhochschulen), nur eine Hand voll Ordentlicher Lehrstühle für CSR bzw. Wirtschafts- und Unternehmensethik, bspw. in Halle, Eichstätt und Mannheim. Hinzu kommen einige Forschungsinstitute, sowie Stiftungslehrstühle an privaten Universitäten. CSR-Studiengänge, oder Studiengänge, die sich mit CSR-relevanten Themen befassen, gibt es ebenfalls nur wenige. Beispiele sind etwa der Studiengang "Business Ethics and CSR Management" am Internationalen Hochschulinstitut Zittau oder der Studiengang "Ethical Management" an der KU Eichstätt. (Für eine weitere Auflistung siehe www.sneep.info/index.php?id=133)

Die Zahl von Universitäten, die in ihren wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen bereits Veranstaltungen im Bereich CSR / Unternehmensethik anbieten, wird in einer Studie des Centrums für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) aus dem Jahr 2008 mit 50% angegeben. Ist das Thema Wirtschaftsethik also doch nicht so randständig? Diese Zahlenangabe führt den Betrachter etwas in die Irre. Zwar wird einerseits eine nicht unerhebliche Zahl von Veranstaltungen zum Thema Wirtschaftsethik angeboten, andererseits steht und fällt das Lehrangebot mit dem persönlichen Interesse der Lehrstuhlinhaber und Dozenten. Der Besuch dieser Veranstaltungen ist in der Regel freiwillig, ins herkömmliche Curriculum sind sie selten integriert. Es ist demgemäß durchaus möglich, dass Studierende der Wirtschaftswissenschaften mit dem Thema Wirtschaftsethik während ihres gesamten Studiums nicht in Berührung kommen. Zum anderen ist in der erwähnten Studie nicht immer klar ersichtlich ob es sich bei den Lehrveranstaltungen tatsächlich um Unternehmens- und Wirtschaftsethikveranstaltungen handelt, oder um Veranstaltungen, in denen Wirtschafts- und Unternehmensethik nur am Rande behandelt wird. Es mangelt bisher folglich vor allem an der Institutionalisierung von Wirtschaftsethik / CSR in der Lehre.

Kluft zwischen deutscher und internationaler Lehre
Im Gegensatz zur Situation in Deutschland ist CSR international laut einer Studie von Guido Palazzo von der Universität Lausanne längst ein Thema mit zentralem Stellenwert, auch jenseits der Betriebswirtschaftslehre. Für Studenten an internationalen Top-Universitäten ist der Besuch von mindestens einer Veranstaltung in "Business Ethics" sogar häufig Pflicht. Wie kommt es zu dieser Kluft zwischen deutscher und internationaler Forschung und Lehre? Palazzo stellt fest, dass in der deutschen Hochschullandschaft lange Zeit (und vielleicht immer noch) darum gestritten wurde, ob Wirtschaftsethik überhaupt ein relevantes Thema der Betriebswirtschaftslehre ist, weshalb es in Ausbildung und Forschung entsprechend vernachlässigt wurde.

Aus dem konstatierten Nachholbedarf werden in vielen Bereichen Konsequenzen gezogen. So wird im bereits erwähnten Bericht der Bundesregierung die Etablierung von CSR in Bildung, Qualifizierung, Wissenschaft und Forschung als Aktionsfeld der CSR-Strategie identifiziert. Doch die Etablierung von CSR und Unternehmensethik kommt vor allem auch aus Initiativen "von unten". Dort tue sich im Moment viel, so Elisabeth Göbel, Professorin an der Universität Trier mit dem Forschungsschwerpunkt Wirtschaftsethik. So hat sich bspw. im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB) inzwischen eine Arbeitsgruppe gebildet, die ein Memorandum zur Integration von wirtschaftsethischen Fragestellungen mittels der "Principles of Responsible Management" (PRME) erstellt hat. Ebenso arbeitet man an der Einrichtung weiterer Lehrstühle im Bereich Wirtschafts- und Unternehmensethik, sowie an der Etablierung themenspezifischer Doktorandenprogramme. Dies geschieht auch auf den Druck von Unternehmen hin, die eine Ausbildung im Bereich Wirtschaftsethik verstärkt fordern, um geeigneten Nachwuchs für ihre Abteilungen in den Bereichen CSR, Compliance oder Governance zu finden.

Eine zentrale Rolle als "Antreiber" zur Etablierung von Wirtschafts- und Unternehmensethik in der Hochschullehre spielen laut Prof. Göbel jedoch auch die Studierenden, die die Themen Unternehmensverantwortung, Social Business, sowie Wirtschafts- und Unternehmensethik im Allgemeinen an der Universität nachfragen. Viele von ihnen sind im Studierendennetzwerk "sneep" (student network for ethics in economics and practice) organisiert, dass seine Aktivitäten an Hochschulen in ganz Deutschland vorantreibt.

Das bundesweite, studentische Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik ist inzwischen an rund 30 Universitäten aktiv und hat sich seit seiner Gründung im Jahr 2003 dem Ziel verschrieben, bei Studierenden Bewusstsein für moralische Fragen des Wirtschaftens zu schaffen. Dabei werden die interdisziplinären Teams vor Ort selbst in der Hochschulbildung aktiv: Sie organisieren in Kooperation mit Wissenschaftlern und Unternehmen Lehr- und Informationsveranstaltungen in Form von Workshops, Vorträgen oder Symposien, die das Thema Wirtschaftsethik sowohl aus theoretischer als auch praktischer Perspektive beleuchten. Zudem bietet das Netzwerk den Studenten themenspezifische Dienstleistungen wie eine Praktikums- und Jobbörse an. Die Offenheit des Netzwerks für Studenten verschiedenster Fachrichtungen sorgt dafür, dass das im Kontext von Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung notwendige "Über-den-Tellerrand-Schauen" sowie die in der Einleitung bemängelte Fähigkeit zur Selbstreflexion aktiv gefördert werden.

Ein Beitrag von Tobias Weyand und Christian Haller von sneep (student network for ethics in economics and practice) - dem studentischen Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik.


Weiteres zum Thema

  

Tobias Weyand und Christian Haller sind Mitglieder bei sneep - dem studentischen Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik

www.sneep.info