Die Normung gesellschaftlicher Verantwortung - ISO 26000

04. September 2009

Die Entwicklung von Konzepten zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung (SR) orientierte sich zu Beginn deutlich an der Nachhaltigkeitsdefinition der Brundtland-Kommission und daraus entstandener Nachhaltigkeitskonzepte. Ausgehend von den Umweltbewegungen der 1970er und 1980er Jahre wurde der Begriff CSR zunächst noch überwiegend von ökologischen Themen belegt und Unternehmen zugewiesen (das C steht für Corporate).

Erst seit Ende der 1990er Jahre konnte sich die soziale Dimension gesellschaftlicher Verantwortung gleichrangig neben ökologischen und ökonomischen Zielen etablieren. Erste Leitfäden und Indikatoren mit Blick auf die soziale Unternehmensleistung wurden unter anderem vom World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), der United Nations Intergovernmental Working Group of Experts on International Standard of Accounting and Reporting (UN ISAR) und der New Economics Foundation (NEF) geschaffen.

In Jahre 2001 hat auch die  Europäische Kommission in ihrem Grünbuch CSR ihr Verständnis konkretisiert und eine eindeutige Definition erarbeitet: Sie bezeichnet CSR als ein Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale und umweltbezogene Belange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren. Damit wird auch klar, dass CSR im Zeitalter internationaler Wirtschaftsbeziehungen nicht nur eine lokale sondern auch eine globale Dimension besitzt. Multinationale Unternehmen sehen sich bei ihrem Engagement in den verschiedensten Regionen mit unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert. Auch die CSR-Themen selbst sind vielfältig und unterscheiden sich in ihren Schwerpunkten je nach Branche, Art, Größe und Marktumfeld der Unternehmen: Umweltschutz, die Einhaltung der Menschenrechte, die Förderung der Chancengleichheit, vorbeugender Arbeits- und Gesundheitsschutz, Corporate Volunteering, lebenslanges Lernen, über Innovationsförderung und Supply Chain Management bis hin zum fairem Handel und zur Generationengerechtigkeit und Armutsbekämpfung - die Ausprägung des gesellschaftlichen Engagements sind reichhaltig.

Nachdem geklärt war "Was" CSR nun eigentlich bedeutet, vertieften sich die Diskussionen um das "Wie". Bereits in 2004 veröffentlichte beispielsweise das brasilianische Normungsinstitut ABNT (Associação Brasileira de Normas Técnicas) einen Standard (NBR 16001:2004), der den Aufbau eines SR-Managementsystems beschreibt und Empfehlungen zur Zertifizierung und Selbstbewertung enthält. Wenig später folgten dieser Norm ein Standard zur Qualifizierung von SR-Auditoren (NBR 16002:2005) und in diesem Jahr ein Leitfaden zur SR-Auditierung.

2005 folgte die Internationale Normungsorganisation ISO dem Ruf verschiedener Stakeholder nach einer umfassenden und allgemein anerkannten Richtschnur für gesellschaftlich verantwortungsbewusstes Verhalten von Organisationen. Die Anregung zur Erarbeitung einer solchen Norm ging von Verbraucherseite aus. Die internationale Normungsorganisation ISO unterhält ein verbraucherpolitisches Komitee, das "Consumer Policy Committee (COPOLCO)", zu dessen Treffen im Juni 2002 in Port of Spain (Trinidad and Tobago) die "'Consumer Protection in the Global Market' Working Group of the ISO Consumer Policy Committee" einen Report unter dem Titel "The Desirability and Feasibility of ISO Corporate Social Responsibility Standards" erstellt hat. Als Ergebnis der Diskussion dieses Reports in der COPOLCO-Sitzung wurde eine Resolution verabschiedet, in der ISO aufgefordert wurde, das Mandat zur Entwicklung einer entsprechenden neuen Norm zu übernehmen.

Als daraufhin die Mehrheit der nationalen ISO-Normungsorganisationen die Entscheidung traf, einen ISO Prozess zu gesellschaftlicher Verantwortung von Organisationen aufzulegen, war die Skepsis in der deutschen Wirtschaft überaus groß. Gemeinsam mit dem DGB und der Bundesregierung votierte sie zunächst - allerdings ohne Erfolg - gegen dieses Vorhaben. Die Vorstellung man könne ein freiwilliges Engagement von Unternehmen (oder allgemein von Organisationen) mit der Methodik einer internationalen Standardisierung begegnen schien unrealistisch. Allein die Vielfalt der unterschiedlichen Arbeitsrechtssituation in den Ländern der Welt würde ein solches Vorhaben nur schwer möglich machen. CSR eigne sich schlicht weg nicht zur Normung oder Standardisierung. Trotz der heftigen Proteste wurde das Projekt aufgelegt.

Aufgrund der teilweise sehr unterschiedlichen Vorstellungen was Zweck und Inhalt einer solchen Norm sein könnte, war es abzusehen, dass der Start des ISO 26000 Entwicklungsprozesses zunächst chaotisch begann. Bei der Erarbeitung des "New Work Item Proposal" - quasi dem Pflichtenheft für die Entwickler der ISO 26000 - musste zunächst Klarheit in die Zielsetzung des Vorhabens gebracht werden. Soll es sich bei ISO 26000 um einen unverbindlichen Leitfaden handeln, der nicht nur für Unternehmen, sondern für alle Organisationen anwendbar sein sollte? Ober sollte ISO 26000 vielmehr analog zu den Normenreihen ISO 9000 und 14000 ebenfalls den Aufbau eines Managementsystems beschreiben und damit auch als Grundlage für eine mögliche Zertifizierung von SR-Performanceleistungen (SR-Zertifizierung) dienen können?

Neben der unklaren Zielsetzung war es auch notwendig eine klare Abgrenzung zu bestehenden internationalen - und zum Teil sogar verbindlichen - Normen und Standards (etwa den Kernarbeitsnormen der ILO, oder den Grundsätzen der OECD) zu treffen.

Darüber hinaus war auch der Entwicklungsprozess selbst für die ISO völlig neu. Nie zuvor waren an der Erarbeitung einer Norm so viele internationale Experten aus den unterschiedlichsten Interessensgruppierungen vertreten. Der Arbeitsgruppe gehören mittlerweile 435 Experten aus 91 Nationen an (die unterstützt werden durch 190 stimmrechtslose Beobachter), darunter Vertreter von Regierungen und Wirtschaftsunternehmen, aber auch Gewerkschaften, Verbraucherverbände, Wissenschaftler, Berater und Nichtregierungsorganisationen. Hinzu kommen Repräsentanten von 42 so genannten Liaison-Organisationen. Dies sind solche Organisationen - wie zum Beispiel die ILO oder GRI - die nicht Mitglieder der ISO sind aber in der Thematik eine langjährige Kompetenz bewiesen haben. Die teilweise völlig konträren Positionen der Arbeitsgruppenmitglieder unter einen Hut zu bringen war zunächst schlicht unmöglich.

Doch getreu dem Prinzip "Learning by doing" fand sich die ISO Working Group on Social Responsibility (oder kurz ISO WG SR) im Laufe der Zeit und einiger internationaler Treffen zusammen. Nach mehreren Entwurfsfassungen wird gegenwärtig der "Draft International Standard" (DIS) der ISO 26000 erstellt und im Herbst dieses Jahres weltweit den Experten zur letzten Kommentierung bereitgestellt. Die aktuelle Entwurfsfassung der Norm, wie auch weitere Informationen über die bisherigen Arbeiten können über die Homepage der Arbeitsgruppe www.iso.org/wgsr abgerufen werden.

Der Abschluss der Arbeiten und die Veröffentlichung der endgültigen Fassung der Norm ist - nach dem abschließenden achten Treffen der Arbeitsgruppe im Frühjahr nächsten Jahres in Kopenhagen - nunmehr Ende 2010 anvisiert.

Die Inhalte der ISO 26000
ISO 26000 soll Organisationen - also nicht nur Unternehmen - bei der Entwicklung, Umsetzung und Verbesserung bestehender SR-Instrumente unterstützen. Der Leitfaden beruht auf Freiwilligkeit und beschreibt kein SR-Managementsystem. Somit kann er auch nicht zur Prüfung und Zertifizierung der SR-Leistungen einer Organisation herangezogen werden. Bereits etablierte Grundsätze und Standards der Vereinten Nationen, OECD oder der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) werden als Basis herangezogen.

In seinem Aufbau strukturiert sich die ISO 26000 in fünf Hauptteile:

  • In den ersten drei Kapiteln werden wesentliche Definitionen und Klarstellungen zum Begriff "Social Responsibility" gegeben. Neben dem Geltungsbereich der Norm wird auch erklärt was SR grundlegend für Organisationen bedeuten kann und welche Trends zur SR-Thematik gegenwärtig beobachtet werden können. Charakteristische Merkmale gesellschaftlicher Verantwortung werden angesprochen (beispielsweise welche Besonderheiten für kleine und mittlere Organisationen gelten), wie auch die Rolle des Staates.
  • Im anschließenden vierten Kapitel werden die grundlegenden Prinzipien gesellschaftlicher Verantwortung vorgestellt. Hierzu zählen Rechenschaftspflicht, Transparenz, ethisches Verhalten, wie auch die Achtung der Interessen der Anspruchsgruppen, die Achtung der Rechtsstaatlichkeit, die Achtung internationaler Verhaltensstandards und Menschenrechte.
  • Im fünften Kapitel wird erklärt, wie man sich mit der Wahrnehmung seiner gesellschaftlichen Verantwortung auseinandersetzen sollte. Interessant ist hier besonders die Festlegung des horizontalen und vertikalen Einflussbereiches einer Organisation, etwa entlang der Wertschöpfungskette seiner Produkte und Dienstleistungen. Insbesondere werden aber auch Hinweise gegeben, wie man potenzielle Anspruchsgruppen identifizieren und diese in die Entscheidungsprozesse einbinden könnte.
  • Das sechste Kapitel ist das "Filet" der Norm. Hier wird entlang der sieben Kernthemen gesellschaftlicher Verantwortung anhand einzelner Handlungsfelder beschrieben was konkret Organisationen berücksichtigen sollten. Kernthemen sind laut ISO 26000 Definition: (1) Verantwortungsvolle Unternehmensführung, (2) Wahrung der Menschenrechte, (3) gerechte Arbeitsbedingungen, (4) Schutz der Umwelt, (5) faire Handlungsweisen und Umgangsformen, (6) Schutz des Verbrauchers, (7) Einbindung und Entwicklung des regionalen Umfeldes.
  • Das anschließende siebte Kapitel beschreibt zum Ende welche Aspekte bei der Umsetzung gesellschaftlicher Verantwortung beachtet werden sollten. Wie könnte die gesellschaftliche Verantwortung beispielsweise in der eigenen Organisation verstanden werden? Welche Relevanz und Bedeutung haben die einzelnen Kernthemen? Wie sollten Prioritäten festgelegt werden? Welche Verfahren zur Integration könnten hilfreich sein? Wie sollte das Thema kommuniziert werden? Wie könnte eine Prüfung und eventuelle Verbesserung von SR-Leistungen erfolgen? Welche freiwilligen Initiativen könnten interessant sein?

Die Inhalte zu sämtlichen Themen befinden sich gegenwärtig (Juni 2009) noch im Feinschliff. Zwei aktuelle inhaltliche Diskussionspunkte sollten an dieser Stelle allerdings dennoch kurz angesprochen werden:

  • Viele Experten - besonders aber Vertreter der WTO - sind sehr daran interessiert sichergestellt zu wissen, dass die ISO 26000 nicht als Grundlage zur Verhängung von Handelsbarrieren herangezogen werden kann. Hierzu wird derzeit ein erweiterter Textvorschlag in der Präambel der Norm juristisch geprüft.
  • Im Anhang der Norm sollte auf Vorschlag einiger Experten eine Auflistung von freiwilligen SR-Initiativen und -Werkzeugen aufgeführt werden. Dies würde allerdings zwei Probleme aufwerfen: das Problem der Vollständigkeit und das Problem der Aktualisierung. Zudem würde sich der ohnehin schon große Umfang der Norm mit aktuell cirka 80 Seiten (ohne Anhang) nicht unwesentlich erhöhen, ein Aspekt, der viele Leser möglicherweise abschrecken könnte.

Ausblick
Gemäß dem Vorwort ist die ISO 26000 ein auf Freiwilligkeit beruhender Leitfaden, per Definition keine Managementsystem-Norm und somit auch nicht zertifizierbar. Dennoch gehen viele Experten davon aus, dass es spätestens nach Verabschiedung des ISO-Standards in 2010 in vielen Ländern zu verstärkten CSR-Zertifizierungen kommen wird, deren Grundlage die Inhalte der ISO 26000 sein werden. Anzumerken ist hier, dass eine Zertifizierung immer nur auf Grundlage konkret festgelegter Kriterien erfolgen kann. Eine direkte Zertifizierung nach ISO 26000 ist somit nicht möglich, wohl aber eine nach vereinbarten Kriterienkatalogen, die sich aus der ISO 26000 ableiten lassen. Bereits jetzt können eine Reihe von Aktivitäten in Europa beobachtet werden: Zum Beispiel hat Portugal bereits in 2008 einen zertifizierbaren Standard verabschiedet, der sich ganz konkret auf die ISO 26000 beruft. Dänemark folgte im Frühjahr 2009. Das österreichische Normungsinstitut hat bereits eine Norm zur Qualifizierung von CSR-Experten veröffentlicht. Es gibt also auf der nationalen Ebene einen Trend zur Konkretisierung der ISO 26000.

Die Veröffentlichung der Norm wird sicher mit großer Spannung erwartet. Ob die Erwartungshaltungen der einzelnen Interessensgruppierungen damit befriedigt werden, bleibt abzuwarten. Schon formieren sich am Horizont Befürworter und Oppositionelle.

Ein Beitrag von Dr. Arnd Hardtke, Geschäftsführer der Dr. Hardtke Unternehmensberatung GmbH. Dr. Hardtke nimmt als Mitglied der deutschen Delegation an den Treffen ISO Working Group on Social Responsibility teil und vertritt UPJ im DIN-Arbeitsauschuss "Gesellschaftliche Verantwortung von Organisationen". Der Arbeitsausschuss hat die Aufgabe die Arbeiten der internationalen Arbeitsgruppe national zu begleiten, die deutsche Position zu erarbeiten, in die internationale Arbeit einzubringen und diese aktiv mitzugestalten.

Der Beitrag erschien zuerst in: Sebastian Braun & Carina Böttcher (Red.) (2009): Dokumentation zum Kongress "Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen. Der deutsche Weg im internationalen Kontext", veranstaltet vom Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) vom 25.-26. September 2008 im HeinzNixdorfMuseumsForum in Paderborn. Berlin.
Download der Dokumentation (16,3MB)


Weiteres zum Thema

www.dr-hardtke.com

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Thematik findet sich in: Arnd Hardtke & Annette Kleinfeld (2009) (Hrsg.): Corporate Social Responsibility - Gesellschaftliche Verantwortung im unternehmerischen Alltag, Gabler Verlag, ISBN: 978-3-8349-0806-3, Erscheinungstermin: Spätsommer 2009.