Im Gespräch: Olaf Ebert (Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V.)

13. Juni 2014

Als Teil der Interviewserie mit Mitgliedern des UPJ-Netzwerks berichtet Olaf Ebert von der Freiwilligen Agentur Halle-Saalkreis, unter anderem über Soziales Lernen in der Ausbildung. Die Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. bietet Bürgerinnen und Bürgern, Organisationen, Verwaltungen und engagierten Unternehmen in der Region Halle ein qualifiziertes Set an Information, Beratung, Qualifizierung, Vermittlung und Vernetzung.

Seit 2005 fördert die Freiwilligen-Agentur das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen in der Region Halle. Welche Ihrer Angebote im Bereich Corporate Citizenship sind besonders erfolgreich?

Viele Unternehmen möchten sich lokal engagieren und suchen Einstiegsmodelle und Anknüpfungspunkte für ihr gesellschaftliches Engagement, die wir ihnen mit unserem Know-how und unseren Angeboten aufzeigen. Die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und Personalentwicklung durch soziales Engagement sind dabei die häufigsten Zielstellungen der Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir planen und organisieren individuelle Projekte für Unternehmensengagement, beispielsweise in Form eines  Sozialen Tages für Unternehmensmitarbeitende oder durch die Beteiligung von Mitarbeiterteams im Rahmen des stadtweiten Freiwilligentages in Halle. Mit unseren sozialen Lernprogrammen bieten wir Personalentwicklungsangebote für Auszubildende, Unternehmensmitarbeiter/-innen und Führungskräfte, die wirkungsvoll "Lernen in fremden Lebenswelten" ermöglichen.

Welche Herausforderungen sehen Sie im Bereich Unternehmenskooperationen in den nächsten Jahren auf sich zukommen?

Eine aktuelle CSR-Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zeigt, dass in unserer Region das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen zwar sehr vielfältig, aber bislang wenig strategisch entwickelt ist. Der Beratungs- und Entwicklungsbedarf wächst langsam, aber stetig. Schon jetzt stellen wir fest, dass eine qualifizierte Beratung und individuell zugeschnittene Projekte, die sich in der Gesamtstrategie einer verantwortlichen Unternehmensführung ausrichten, den größten Erfolg aufweisen. Neue Kooperationen zwischen unterschiedlichen Partnern bergen vielfältige Potentiale, brauchen häufig aber auch Katalysatoren und Brückenbauer, um ihre Wirkung entfalten und langfristig wachsen zu können.

Eine Ihrer wichtigsten Zielgruppen sind Auszubildende. Junge Menschen bringen oft nicht die personalen und sozialen Kompetenzen mit, die in der Ausbildung von ihnen erwartet werden. Können Sie hier mit Ihren Projekten gegensteuern?

Die Rekrutierungsstrategien von Unternehmen bei der Suche nach geeigneten Auszubildenden müssen die individuellen Voraussetzungen von Jugendlichen immer stärker berücksichtigen, dabei rücken auch Jugendliche mit niedrigeren Schulabschlüssen und Benachteiligungen zunehmend in den Fokus. Auf die Unterschiede bei den fachlichen Voraussetzungen reagieren Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe mit zusätzlichen Angeboten. Sozialkompetenz liegt dagegen in der individuellen Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen begründet und ist vor allem bei jüngeren, bildungsfernen Auszubildenden nicht ausgereift.

Mit unseren Angeboten zum "Lernen in fremden Lebenswelten" werden Auszubildende eine Woche in sozialen Einrichtungen aktiv und lassen sich auf ungewohnte Situationen ein. Durch den Wechsel in eine fremde Lebens- und Arbeitswelt und authentisches Erleben von persönlichen Schicksalen werden Erfahrungen in verdichteter Form und soziales Lernen möglich. Ob in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, in einem Altenheim oder in einer Einrichtung für obdachlose Menschen – hier findet "Lernen in fremden Lebenswelten" statt, werden soziale Kompetenzen gestärkt oder weiterentwickelt und erweitern die Auszubildenden ihre Fähigkeiten, um im späteren Berufsleben adäquat auf ungewohnte Situationen reagieren zu können.

Ihr Projekt  "MitWirkung! – Führungsqualitäten weiterentwickeln" richtet sich an Führungskräfte. Die Teilnehmenden verlassen für einige Woche ihren Arbeitsplatz, um in einer sozialen Einrichtung zu arbeiten. Warum wenden Sie sich gerade an diese Zielgruppe?

Erfolgreiches Führen erfordert soziale und emotionale Kompetenz. Eine bekannte Managementregel besagt: Wer andere führen will, muss auch sich selbst führen können. Dazu gehört die Bereitschaft sich selbst und seinen Umgang mit anderen zu reflektieren. Je besser eine Führungskraft das eigene Handeln beobachten, bewerten und gegebenenfalls verändern kann, desto wirkungsvoller ist ihr Führungsverhalten.

Das Eintauchen in eine fremde Lebens- und Arbeitswelt verschafft - durch den bewussten Bruch zum Alltag - Erfahrungen, die den Teilnehmenden Herausforderungen und Entwicklungschancen zugleich bieten. Das Erlebte fordert und fördert alle Facetten adäquaten Verhaltens im Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen und trainiert in hohem Maße Einfühlungsvermögen und Toleranz für Fremdes, kommunikative Fähigkeiten, Belastbarkeit sowie Kreativität und Flexibilität. Es werden Prozesse und Denkanstöße in Gang gesetzt, die den Führungskräften helfen, den eigenen Horizont zu erweitern und ihren Führungsalltag effizienter zu gestalten. Dabei gewinnen sie durch den Perspektivwechsel wertvolle Erkenntnisse über den konstruktiven Umgang mit anderen, die sie anschließend direkt in ihrer beruflichen Aufgabe umsetzen können.

Gibt es in der Freiwilligen-Agentur auch Volunteering Tage, an denen sich Ihre Mitarbeiter in sozialen Einrichtungen engagieren?

Wir fördern das freiwillige Engagement, auch unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unter anderem durch die Organisation eines Team-Engagementtages. Im vergangenen Jahr haben wir dafür im Vorfeld öffentlich aufgerufen, uns Projekte vorzuschlagen, in denen sich unser Team ein Tag lang engagieren konnte. Innerhalb des Teams wurde dann eine Auswahl getroffen: so entstanden 35 neue Herzkissen für brustkrebserkrankte Frauen und ein "Seminarraum im Grünen" vor dem Nachbarschaftszentrum Pusteblume in Halle-Neustadt. Hier wurden Bänke gebaut und eine wetterfeste Tafel installiert, die nun für Seminarangebote im Freien genutzt werden können. In diesem Jahr wollen wir 15 Bäume pflanzen und suchen noch nach passen Orten und Unterstützern. Zukünftig werden wir auch das individuelle freiwillige Engagement unserer Mitarbeiter/-innen in Vereinen und Initiativen noch stärker unterstützen und entwickeln dafür gerade geeignete Formen der Anerkennung und Wertschätzung.

 


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Olaf Ebert ist Geschäftsführer der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis.

Weitere Informationen zur Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis

"Im Gespräch" ist eine Interviewserie mit Mitgliedern des UPJ-Netzwerks. Im monatlichen Wechsel berichten Unternehmen und gemeinnützige Mittlerorganisationen über ihre Ziele, Aktivitäten und Vorhaben in den Bereichen Corporate Citizenship und Corporate Responsibility.