Im Gespräch: Karen Wichmann (Freiwilligenagentur Cottbus – Der Paritätische LV Brandenburg)

22. April 2014

Als Teil der Interviewserie mit Mitgliedern und Partnern des UPJ-Netzwerks berichtet Karen Wichmann, Projektleiterin Unternehmensengagement bei der Freiwilligenagentur Cottbus, unter anderem über ihre Angebote für Unternehmen, die sich bürgerschaftlich engagieren möchten.

Die Freiwilligenagentur Cottbus fördert das bürgerschaftliche Engagement in Cottbus als regionales Zentrum, das über Möglichkeiten von freiwilligem Engagement informiert und berät, gemeinnützige Organisationen dafür qualifiziert und mit innovativen Projekten und Veranstaltungen den öffentlichen Austausch und eine Anerkennungskultur für Freiwilligenarbeit anregt. Dabei arbeitet die Agentur mit über 80 gemeinnützigen Organisationen zusammen.

Die FWA Cottbus ist eine Anlaufstelle für Unternehmen, die sich mit ihren MitarbeiterInnen und Auszubildende gesellschaftlich engagieren wollen. Welche Angebote machen Sie Unternehmen im Bereich Corporate Citizenship?

Wir bieten Unternehmen die Organisation und Begleitung eines sogenannten Freiwilligentages an. Während des Freiwilligentages engagieren sich ihre MitarbeiterInnen und Auszubildenden einen Tag lang in einer gemeinnützigen Einrichtung. Dazu machen wir mehrere Angebote mit verschiedenen Möglichkeiten. Also ganz praktische Projekte, von handwerklichen Tätigkeiten bis zum gemeinsamen Ausflug in den Tierpark.

Wenn das Unternehmen schon konkrete Vorstellungen hat, in welchem Bereich sie sich engagieren möchten, dann suchen wir gezielt in diesem Bereich nach aktuellen Projekten.

Als Freiwilligenagentur haben wir jahrelange Erfahrungen in der Vermittlung von Bürgern und Bürgerinnen in freiwillige Tätigkeiten. Diese Erfahrungen und unsere gute Zusammenarbeit mit über 80 gemeinnützigen Einrichtungen helfen uns dabei, attraktive Angebote für Unternehmen zu entwickeln. Attraktiv bedeutet für uns, dass es sinnvolle Projekte sind. Also ein realer Bedarf besteht, die Rahmenbedingungen zur Umsetzung stimmen und nicht zu vergessen, die Freude der Engagierten nicht zu kurz kommt. Wir möchten, dass sich die MitarbeiterInnen und Azubis zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden können. Das finden wir wichtig, damit alle Beteiligten am Ende des Tages zufrieden sind und ihre Tätigkeit als nützlich empfinden.

Unter dem Motto "Nicht reden, machen" bieten Sie Freiwilligentage für Mitarbeiter & Azubis an. Ihrer Erfahrung nach, welchen Nutzen haben Gemeinnützige von einem Freiwilligentag mit einem Unternehmen? Gibt es Projekte, die bei Unternehmen besonders gefragt sind? Gibt es Berührungsängste auf beiden Seiten?

Aus unseren Erfahrungen profitieren beide Seiten enorm von einem Freiwilligentag, wenn er gut vorbereitet wird. In den gemeinnützigen Einrichtungen werden Projekte umgesetzt, die sonst in der Schublade liegen bleiben, da einfach die Ressourcen fehlen. Es sind oft Projekte der Sorte "Sahnehäubchen" – , welche die Orte verschönern, qualitativ aufwerten für die Nutzer, z.B. für demente Senioren einer Tageseinrichtung einen Klanggarten anlegen oder die Kinder in der Kita bekommen einen langersehnten Wasserspielplatz gebaut.

Für die Unternehmen liegt der Gewinn darin, Erfahrungen auf anderem Terrain im sozialen Bereich zu machen oder sich im Team zu engagieren. Von Azubis bekomme ich die Rückmeldung, dass sie diese Erfahrungen enorm schätzen und sich ihr Blick für soziale Themen und für ihr Lebensumfeld ändert.
In den ersten Jahren, wir organisieren seit 2010 Freiwilligentage, waren vorrangig handwerkliche Projekte bei den Unternehmen gefragt. 2013 haben erstmals Auszubildende einen Ausflug mit gehbehinderten Senioren in den Tierpark unternommen. Das war natürlich ein ganz anderer Nutzen. Für die Einrichtung wäre ein solcher Ausflug nicht umsetzbar, wegen der erforderlichen 1:1 Betreuung der Senioren. Das interessante daran ist, dass es diese Möglichkeit auch schon 2010 gab, aber sich die Unternehmen ein solches Engagement offensichtlich schwer vorstellen konnten. Sie wollten lieber ganz praktische Dinge machen; etwas schaffen, was man am Ende des Tages sieht.
Ich würde sagen, gefragt sind inzwischen beide Arten von Aktivitäten bei den Unternehmen – sowohl solche der Begegnung, als auch der handwerklichen Art.

Aber es gibt auch sehr schöne Aktionen, bei denen sich beides verbinden lässt. Wir haben hier in Cottbus z.B. einen Biohof der Lebenshilfe Werkstätten gGmbH. Dort arbeiten seelisch behinderte Menschen. Dort ein Bauprojekt durchzuführen liegt auf der Hand und "ganz nebenbei" begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderung. Die Berührungsängste sind enorm, das kann nicht jeder. Aber unsere Erfahrungen zeigen, wenn es von den professionellen Mitarbeitern der Einrichtung gut begleitet wird, wollen alle wieder kommen. Das spricht für sich.

2013 hat die FWA bereits zum 7. Mal den Cottbuser Marktplatz organisiert. Ein Marktplatz hat zum Ziel neue Partnerschaften zwischen Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen zu stiften. Was versprechen sich Unternehmen von der Teilnahme an einem Marktplatz? Ist für 2014 wieder ein Marktplatz geplant?

Ja, wir planen bereits den 8. Marktplatz für "Gute Geschäfte" in diesem Jahr. Seit 2007 haben 60 Unternehmen sowie 74 gemeinnützige Einrichtungen und Vereine teilgenommen. Insgesamt wurden 415 Engagement-Vereinbarungen geschlossen. Das ist einfach toll.

Was versprechen sich die Unternehmen von der Teilnahme? Ganz genau kann ich diese Frage wohl nicht beantworten. Ich denke, es sind verschiedene Erwartungen: sich sozial zu engagieren und es auch zu zeigen. Einen Zugang zu neuen Kunden zu bekommen. Partner im sozialen Bereich zu finden. Denn soziale Themen wie Pflege und Familienfreundlichkeit sind in den Unternehmen angekommen.

Vielleicht an einem Beispiel: Ein junger Unternehmer, der ein Catering-Unternehmen betreibt, ist schon oft auf dem Marktplatz gewesen. Er hatte sich 2007 gerade gegründet und suchte neue Kunden. Inzwischen hat er über den Marktplatz viele Kontakte bekommen. Und er kommt immer wieder, er engagiert sich von Herzen und profitiert  dabei. Noch ein anderes Beispiel: Ein größeres Unternehmen, auch von Anfang an dabei, probiert verschiedene Engagements aus. Begonnen hatten sie mit einer Kleidersammlung für eine soziale Einrichtung und organisierten Kuchenbasare für den guten Zweck. Inzwischen engagieren sie sich mit ihren Mitarbeitern und Auszubildenden und schätzen diese Möglichkeit als Teamentwicklung.

Haben Sie in Cottbus auch die Erfahrung gemacht, dass die Unternehmen, die den Marktplatz besuchen, sich für die Themen Familienfreundlichkeit, weiche Standortfaktoren oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf interessieren?

Ich würde sagen ja. Gerade größere Unternehmen haben diese Themen auf dem Tisch. Familienfreundlichkeit heißt ja, Beruf und Familie unter den berühmten Hut zu bekommen. Was zunehmend schwieriger wird. Sich hier professionelle Partner zu suchen, z.B. für das Thema Pflege oder Kinderbetreuung, liegt meines Erachtens auf der Hand.

Einige der Unternehmen in Cottbus haben schon Partnerschaften über den Marktplatz hinaus abgeschlossen, z.B. mit einer Senioreneinrichtung, die bei Bedarf Mitarbeitern Unterstützung anbietet, wenn plötzlich ein Pflegefall in der Familie auftritt.

Auch die sogenannten weichen Standortfaktoren, also Kultur- und Freizeitmöglichkeiten und Bildungsangebote, spielen eine große Rolle. Auf dem Marktplatz finden Unternehmen eine breite Palette der Vereine, die in diesen Bereichen aktiv sind und letztendlich Cottbus auch zu einer lebenswerten Stadt machen. Diese Nachfrage ist für die Vereine und gemeinnützigen Einrichtungen natürlich perfekt. Sie sind die Profis für die Bereiche Bildung, Erziehung, Kultur, Sport und Soziales.

Sie haben im letzten Jahr eine Fotoausstellung im Rathaus der Stadt Cottbus organisiert. Was war der Hintergrund für die Ausstellung und wie kam sie an?

Die Fotoausstellung im Cottbusser Rathaus stand unter dem Motto "Freiwillig in Cottbus". Der Zuspruch war toll. Auf den Bildern sind ganz verschiedene Aktivitäten engagierter Mitarbeiter und Auszubildender zu sehen. Bei der Eröffnung haben Azubis berichtet, was sie an ihrem Freiwilligentag erlebt haben und wie sie es finden, dass sich ihr Unternehmen engagiert.

Wir wollten schon vor 4 Jahren mit einer Fotoausstellung auf Tour gehen. Mussten aber schnell feststallen, dass die Bilder auch wirklich Geschichten erzählen und sich die Akteure damit identifizieren müssen. So hat es länger gedauert, aber jetzt passt es und wir können demnächst in drei großen Unternehmen in Cottbus unsere Bilder zeigen. Es ist auch eines dabei, das bisher noch nicht am Marktplatz teilgenommen hat. Vielleicht sind sie ja im kommenden Jahr dabei. Das wünsche ich mir.


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Karen Wichmann ist Projektleiterin Unternehmensengagement bei der Freiwilligenagentur Cottbus.

"Im Gespräch" ist eine Interviewserie mit Mitgliedern des UPJ-Netzwerks. Im monatlichen Wechsel berichten Unternehmen und gemeinnützige Mittlerorganisationen über ihre Ziele, Aktivitäten und Vorhaben in den Bereichen Corporate Citizenship und Corporate Responsibility.